In Zusammenarbeit mit:



Expertenmeinungen

Interview mit Diplompsychologe Dr. Uwe Kleinemas

Aktives Altern

Die Lebenserwartung in Deutschland steigt. Ein heute 60-jähriger Mann hat noch durchschnittlich 19,5 Jahre, eine Frau noch 23,7 Lebensjahre vor sich. Für diese gewonnene Zeit werden neue Formen und Möglichkeiten der Lebensgestaltung gesucht.

Das Selbstbild und die gesellschaftlichen Vorstellungen über das Altern haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Keiner würde heutzutage „alt“ mit „schwach und hilfebedürftig“ gleichsetzen.

Der moderne alte Mensch ist aktiv, kontaktfreudig, unabhängig, kreativ und produktiv. Er ist keinesfalls gewillt, sich zur Ruhe zu setzen, sondern steht vielmehr mit all seinem Wissen und seinen Erfahrungen der Gesellschaft zur Verfügung.

Ganz so strahlend und positiv stellt sich die Wirklichkeit jedoch nicht dar. Dr. Uwe Kleinemas ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführer des Zentrums für Alternskulturen in Bonn. Er sieht eine deutliche Diskrepanz zwischen dem von einigen Wissenschaftlern und den Medien transportierten Leitbild des aktiven, produktiven Alterns und den derzeit vorhandenen konkreten Perspektiven und Möglichkeiten alter Menschen, nach wie vor am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Interview

Aktiv!: Herr Dr. Kleinemas, ist die gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen tatsächlich so gefragt, wie es durch das neue Bild vom Altern suggeriert wird?

Dr. Uwe Kleinemas: Zunächst einmal ist es sehr begrüßenswert, dass sich das lange Jahre in der Gesellschaft vorherrschende überwiegend defizitäre Altersbild – also die Vorstellung, dass Altern vornehmlich durch den Abbau und Verlust von Fähigkeiten und Fertigkeiten gekennzeichnet ist – verändert hat.

Es hat sich nahezu eine Kehrtwendung vollzogen. Das neue Bild propagiert das aktive und produktive Altern und stellt die Potenziale und Ressourcen älterer Menschen und ihren gesellschaftlichen Wert in den Mittelpunkt. Und genau hier wird es problematisch. Denn dieses Bild wird in weiten Teilen der Realität nicht gerecht. Die gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen ist nach wie vor begrenzt. Die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt hat es in ihrer Rede zum Altenbericht 2005 auf den Punkt gebracht: „Ältere Menschen wollen und können sich beteiligen, aber man lässt sie nicht.“ Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer ist sicherlich, dass nach wie vor Vorurteile gegenüber der Leistungsfähigkeit älterer Menschen bestehen.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Voraussetzungen in unserer Gesellschaft sind denkbar ungünstig. Es fehlen die Möglichkeiten sich einzubringen, die Marktlage ist schlecht, gleichzeitig ist die Konkurrenz groß. Besonders deutlich zeigt sich dies beispielsweise am Arbeitsmarkt. Das Stellenangebot ist knapp und die Älteren müssen sich gegen viele jüngere Mitbewerber durchsetzen.

Aktiv!: Wie schätzen Sie derzeit die Chancen ein, dass ältere Menschen ihr Erfahrungswissen tatsächlich einbringen können und für den Arbeitsmarkt interessant sind?

Dr. Uwe Kleinemas: In der Breite sind die Möglichkeiten älterer Menschen sehr begrenzt. Besser sieht es in Nischen für hoch spezialisierte Fachkräfte aus. Bereiche, in denen – so wie dies zum Beispiel bei den Ingenieurswissenschaften der Fall ist – ein Fachkräftemangel besteht, könnten für Seniorexperten Betätigungsfelder darstellen.

Aktiv!: Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang lebenslanges Lernen und gezielte Kompetenzförderungsmaßnahmen für ältere Menschen?

Dr. Uwe Kleinemas: Das Konzept des Lebenslangen Lernens hat nur dann eine positive Bedeutung, wenn sich daraus auch tatsächlich Perspektiven ergeben. Der Entwicklungspsychologe und Altersforscher Paul Baltes stellt in diesem Zusammenhang ganz richtig die Frage nach dem „Wozu“. Lebenslanges Lernen als Selbstzweck und Hobbyismus oder zur Verbesserung der eigenen Position und Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt? Lebenslanges Lernen muss der Sinnstiftung dienen und dazu beitragen, existenzielle Fragen – wie zum Beispiel: Wozu bin ich da? Wer braucht mich? – zu beantworten. Wenn sich trotz Teilnahme an Förderungsmaßnahmen nichts an der Lebenssituation verändert, wird der an sich positive Effekt des Lebenslangen Lernens entwertet.

Aktiv!: Werden Ihrer Meinung nach also vielfach falsche Hoffnungen geweckt?

Dr. Uwe Kleinemas: Sicherlich. Die Bereitschaft und die Erwartungen, an der Gesellschaft teilzuhaben, sind sehr groß, doch für viele ist dies im Alter nicht realisierbar.

Aktiv!: Wie groß ist die Gefahr, dass, jemand, der stets das strahlende, positive Bild des aktiven Alterns vor Augen hat, dann aber in seinem eigenen Wirken durch die Realität gebremst wird, dies als persönliche Niederlage bewertet?

Dr. Uwe Kleinemas: Wer den Verhaltenserwartungen der Gesellschaft nicht entsprechen kann, ist irgendwann frustriert. Das kann langfristig dazu führen, dass man sich abkoppelt und mehr und mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzieht. Solche Rückzugstendenzen sind im Alter vermehrt zu beobachten. Sie münden letztendlich in Einsamkeit und können zu Depressionen führen.

Aktiv!: Können die Erwartungen bezüglich Gestaltungsmöglichkeiten und Produktivität im Alter überhaupt erfüllt werden?

Dr. Uwe Kleinemas: Auch hier gilt: In der Breite wird dies nicht möglich sein. Die Situation wird sich vielmehr verschärfen. In Nischen und Randbereichen, dort, wo spezielle Kompetenzen gefragt sind, werden die Erfolgschancen steigen. Dem Großteil der Älteren werden jedoch nach wie vor viele Betätigungsfelder verschlossen bleiben. Oft werden in diesem Zusammenhang die Möglichkeiten, die sich im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements im Ehrenamt auftun, hervorgehoben. Doch werden diese häufig den Ansprüchen der Älteren nicht gerecht. Das Engagement und die erbrachten Leistungen dürfen nicht als „Ausnutzung“ billiger oder sogar kostenloser Arbeitskraft empfunden werden.

Die Bedingungen für ehrenamtliches Engagement müssen deutlich verbessert werden. Vorstellbar wäre zum Beispiel die Weiterentwicklung hin zu einem gemeinnützigen und sozialen Sektor, in dem erbrachte Leistungen entsprechend honoriert und bezahlt werden. Natürlich stellt sich hier die Frage der Finanzierung. Angesichts der Kassenlage ist es mehr als fraglich, ob es eine nennenswerte und wirksame Subventionierung von Arbeit im Alter geben wird.

Quelle: Aktiv! Das Apothekenmagazin der Deutschen Seniorenliga e.V., Ausgabe 2/07